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La promesse de l'avenir
Das Zukunftsversprechen
The Future Promise

Die Projektgruppe REINIGUNGSGESELLSCHAFT (RG) agiert als Forum, das gesellschaftliche Fragen in Denk- und Handlungsräumen interdisziplinär vereint. Einen besonderen Schwerpunkt in diesem künstlerischen Experimentierfeld nimmt die Beschäftigung mit Fragen zur Zukunft/Zukunftsfragen ein.

Immer, wenn aus einem heutigen Standpunkt heraus Aussagen über die Zukunft getroffen werden, sind zwei Betrachtungsweisen zu unterscheiden: Die pragmatische Perspektive konstruiert ein Zukunftsbild auf Grund der gegenwärtig gültigen sachlichen Tatsachen. Der künftige Verlauf folgt daraus und wird vorausberechnet bzw. geplant. Völlig anders verhält es sich bei der freien Vorstellung zukünftiger Wirklichkeiten. Hier geht es gerade nicht darum, vorliegendes Wissen und gemachte Erfahrungen zu interpretieren. Es geht um einen utopischen Gegenentwurf zur jeweils existierenden Wirklichkeit.

Diese begriffliche Sensibilisierung erscheint uns als richtungsweisend, denn unser medial vermittelter Alltag ist voller Zukunftsversprechen - seien es die Verheißungen der Politik oder der Werbung, die Ratschläge der Anlageberater oder Beschäftigungsprognosen von Investoren. Wenn man davon ausgeht, dass die Nachfrage das Angebot bestimmt, dann drückt das gesellschaftliche Bedürfnis nach Zukunftsversprechen ein deutliches Unbehagen am gegenwärtigen Realitätsangebot aus. Auch innerhalb emanzipatorischer Bewegungen ist der Utopieverlust Thema. In Zeiten von Unsicherheit und Strukturwandel gewinnt ein Vorsorge- und Sicherheitsdenken neue Bedeutung.

Die Gesellschaft ist - so scheint es - auf der Suche nach einer neuen Identität und hat dabei ihren Glauben an träumerische Alternativen verloren.
Dabei fällt auf, dass von Politik und Wirtschaft entwickelte Leitbilder sich vor allem pragmatisch orientieren, die Planbarkeitsidee erhält gesellschaftsbildende Funktion.
Das zeigt sich an der Virtualisierung gesellschaftlicher Entwicklungen, z.B. an der Kommunikation und Immaterialisierung von Arbeit, einem wachsenden Dienstleistungssektor. Automatisierungsprozesse haben zunehmend Einfluss auf das gesellschaftliche Wertgefüge. Fortschritts- und Wachstumsdenken werden so zu weitverbreiteten Bedingungen nicht nur unternehmerischer Aktivitäten.
Bei aller zukunftsgestaltenden Dynamik ist die Fähigkeit einer kritischen Selbstreflexion von Politik und Wirtschaft stark eingeschränkt, denn sie unterliegen dem unvermeidlichen Zwang zur positiven Darstellung. Ein zur Wahl stehender Politiker würde kaum wiedergewählt werden, wenn er behauptet, dass die Erwerbslosigkeit weiter zunehmen wird und Sozialleistungen abgebaut werden müssen. Ähnliches gilt für die Wirtschaft. Wenn ein börsennotiertes Unternehmen sinkende Wachstumszahlen aufweist, wird dies von Anlegern mit Aktienverkäufen quittiert.

Beide Bereiche veranschlagen deshalb gerne den Kulturbegriff bei ihrer Identitätsbildung. In diesem Kontext bekommt der Begriff "Kultur" so neue Bedeutungsdimensionen: Im Wirtschaftsbereich prägen Unternehmens-, Büro- und Gesprächskultur die Unternehmenskommunikation und sollen zur Herausbildung eines bestimmten Mitarbeiterbewusstseins beitragen, prägen die corporate identity. Das trifft selbst für jenen wachsenden Personenkreis zu, der von Arbeitsprozessen ausgeschlossen wird. Auch hier steigt die Bedeutung medial geformter Identitäten und kommerziell inszenierter Menschenbilder. Zukunftsvorstellungen werden an aktuelle Marktrends angeglichen.
Wolfgang Ullrich äußert dazu im Interview mit der RG folgendes: "Wir haben sicher einen positiven Begriff von Zukunft, gerade in der Wirtschaft neigt man dazu, nach vorn und nicht zurückzuschauen, aber es gibt trotzdem keine klaren Utopien. Es ist eine Zukunft, die entweder als lineare Verlängerung der Gegenwart gesehen wird, oder die völlig offen als Projektionsbild gelassen wird, wo aber auf der Projektionsfläche nie scharfe und präzise Bilder entstehen. Gerade der Kapitalismus neigt dazu, linear zu denken und zu sagen, die Rendite muss jedes Jahr höher werden, aus viel Geld muss noch mehr Geld werden. Es geht nicht zu sehr um inhaltliche Werte, sondern Quantität ersetzt die Qualität, was im reinen Kapitalismus die einzige Qualität ist."

Die Frage, wie ein neuer Gesellschaftsvertrag geschlossen werden kann, der jeder Person eine aktive Rolle bei der Gestaltung einer verantwortungsbewussten Zivilgesellschaft einräumt, bleibt indes unbeantwortet. Es wird deutlich, dass weder Politik noch Wirtschaft in der Lage sind, eine zukunftsweisende Entwicklung, die von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung ist, einzuleiten.

Das neoliberale Modell zeichnete sich vor allem durch wirtschaftliche Dominanz aus. Mit der Öffnung der Märkte setzte jene globale Entwicklung ein, die durch Expansion und Sicherung neuer Marktanteile geprägt ist. Politische Programme, egal ob konservativ oder links, wiesen unter den Bedingungen des Wirtschaftsliberalismus in ihrem Wesenskern kaum Unterschiede auf. Doch der Jubel über den Sieg des freien Marktes und seiner Institutionen über den regulierenden Staat erwies sich als trügerisch. Heute beginnen der einst entstandene westliche Wohlstand und die wirtschaftliche Dynamik zu bröckeln. Neidvoll richten sich die Blicke in Richtung asiatisches Wirtschaftswunder. In den traditionellen Industriestaaten stellt man sich die Frage, wie Wachstumsraten wieder zustande kommen können. Rationalisierung und Personalabbau, Arbeitsplatzverlagerung in Billiglohnländer, sowie Umstrukturierungen zielen in diese Richtung. Fraglich hingegen ist, ob diese Entwicklung aufrecht erhalten werden kann. Wenn es keine Mitarbeiter mehr gibt, die zugleich Konsumenten sind, dann entzieht sich der Kapitalismus seiner Lebensgrundlage. Durch die stärkere Polarisierung und ungleiche Verteilung des erwirtschafteten Kapitals gewinnt der totgesagte Klassenbegriff eine neue Gestalt. Er bezieht sich jedoch nicht mehr auf den klassischen Arbeiter, sondern auf unter Individualisierungs- und Flexibilisierungszwang stehende Menschen, die sich in prekären Beschäftigungs- und Dienstleistungsverhältnissen befinden.

"Die globale Ausfahrt des Kapitals löst die Reichtumsproduktion von nationalen Horizonten und Ressourcen ab. ‚Mehr Kapitalismus' bedeutet keineswegs wachsenden Bedarf an (einheimischen) Erwerbspersonen, die den materiellen Wohlstand produzieren. Mit der Aufkündigung des historischen Pakts von Kapital und Arbeit lockern sich die wechselseitigen sozialen Verpflichtungen, und zwar einseitig, von oben nach unten. ‚Bourgeoisie ohne Proletariat!' das war einmal, ‚Bourgeoisie ohne (gute) Lohnarbeit!' lautet die neue Parole."
Gezwungene Individualisierung bedeutet oftmals die Loslösung von sozialstaatlicher Verantwortung und ist nicht gleichzusetzen mit Emanzipation. Die Suche nach Gemeinschaft auf der einen Seite und Selbstbestimmung auf der anderen Seite muss keinen antagonistischen Widerspruch darstellen. Es stellt sich die Frage, ob es eine Gemeinschaft geben kann, die ihre Ziele jenseits nationaler, liberaler und institutioneller Strukturen aus sich heraus formuliert. Sicher ist, das die bisherigen Definitionen für gesellschaftliche Werte, wie Arbeit, Freiheit und Demokratie nur unzureichende Antworten auf gegenwärtige und zukünftige Fragen gibt. Vielleicht zeigt sich in der unbefangenen Analyse der Ansatz einer utopischen Idee - auch wenn gerade das Nichteintreten von Utopien die Bedingung für ihre Existenz ist.

REINIGUNGSGESELLSCHAFT 2005

 

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