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Peter Lang, Kurator, Berlin

REINIGUNGSGESELLSCHAFT und Forum Unternehmenskultur

"Wir aber waschen unsere Hände in Unschuld..." (Pontius Pilatus)

"...es ist eine eigene Sache, schon durch die Geburt auf einem erhabenen
Platz in der menschlichen
Gesellschaft gesetzt zu sein." (Goethe)

Der Name der Künstler Gruppe verheißt uns die Dienstleistung einer Reinigung.
Liest man im Grimm´schen Wörterbuch nach, finden wir unter Reinigung:
1) den heute gebräuchlichen Begriff von Reinigen in der eigentlicher Bedeutung,
Wie Reinigen des Gesichtes, der Hände, des Zimmers, des Geschirrs, der Waffen,
der Straße; 2) in technischer Hinsicht; 3) in Hinsicht einer religiösen
Konnotation: im rituellem Gebrauch, der Reinigung als Erhöhung durch
Reinigung vom Unreinen.


Unter dem Begriff Gesellschaft läßt sich als passende Herleitung zum Namen
der Künstlergruppe Folgendes finden: 3) Genossenschaft, die zu gewissen Zwecken
gestiftet ist oder bestimmte Verpflichtungen hat.(1)


So sieht sich die Reinigungsgesellschaft auch als ein Labor im Denkraum
Kunst oder eine schnelle Eingreiftruppe, die keine Angst vor großen Begriffen
hat und Bewusstseinsprozesse im gesellschaftlichen Ganzen (hier dem Begriff der menschlichen Gesellschaft
folgend, der beeinflußt ist vom französischen société) anstoßen möchte. Man ist der Arbeit an
Schnittstellen verpflichtet. Der marxistische Soziologe Cornel West, welcher 2000 Berater des
Präsidentschgaftskandidaten Al Gore war, spricht von "... einzelnen Beiträgen begabter (und gewöhnlich
privilegierter) Kulturschaffender die sich mit demoralisierten, immobilisierten,
entpolitisierten und desorganisierten Menschen solidarisieren wollen, um diesen die Macht und die
Fähigkeit zu gesellschaftlichen Handeln zu verleihen..." (2)

Sicher ist das eine sehr emphatische Idealisierung der potentiellen Möglichkeiten von Kunst.
Die Mittel der Kunst, ihreStrategien sollen zu einem Mehrwert an gesellschaftlicher Kommunikation führen.
Das ist eineVorstellung sozialer künstlerischer Praxis, die seit den späten 80er Jahren immer mehr Raum
greift. Bereits 1989 verheißt Richard Kriesche: "Es geht nicht mehr darum, innerhalb von
gegebenen Kommunikationskanälen Kunst zu machen, sondern im Gegenteil darum, die
Kommunikationkanäle als Möglichkeiten einer Kunstform zu begreifen." (2) Ein Kunstbegriff der
sich in den achtziger Jahren in Österreich entwickelt und durch österreichische Künstler und
Kunstgruppen ausgebaut und nach Deutschland transportiert wurde. Der Künstler versteht sich als
Rechercheur soziokultureller Strukturen und als kompetenter Kommunikator in soziale,
wirtschaftliche, wissenschaftliche Zusammenhänge hinein. Gerade werden die politischen Texte
von Joseph Beuys, dessen achtzigster Geburtstag bezeichnenderweise in allgemeine Vergessenheit
geraten ist, in einem Museum ausgestellt. Besser wäre, sie als Flugblätter zu verteilen.
Sieht man sich die Umfrageergebnisse der Reinigungsgesellschaft unter den 300 deutschen
Großunternehmen an, setzen diese, bei einer vorstellbaren Verwendung von Künstlern innerhalb
ihrer Unternehmensprozesse , eben auf diese spekulierte Potenz der Künstler als
Kommunikationsdesigner und Kreativitätsschübler. Ihm wird die Ausbildung kulturellen Kapitals und
die Entwicklung sozialer Kompetenz zugetraut. Obwohl kaum ein Unternehmen daran denken
würde, Künstler fest einzustellen. Von der Wirtschaft ist mangelnde Kreativität als Fehlstelle in den
eigenen Unternehmen registriert und von der Reinigungsgesellschaft als Meinungsäußerung in
Form einer Umfrage evoziert worden. Diese Fehlstellen wurden zuerst in Analysen zur
Innovationsfähigkeit der Deutschen Wirtschaft aufgedeckt. Da kam durchaus Unangenehmes zu tage.
Zum Beispiel, daß die Zahl der "progressiven" Innovationen in Deutschland in der Zeit von
1971 – 1995 um 31 Prozent zurück ging, die der "drastischen" sogar um 50 Prozent. (3) Ein Notstand,
den die Reinigunggesellschaft durch die Einschleusung künstlerischer Innovationsfreude
und Kreativität in betriebswirtschaftliche Prozesse zu beheben gedenkt. Der Künstler somit in dem
Spiel der Kräfte gesetzt als treibende Produktivkraft. Hans Schultze, ein Leipziger Künstler,
hatte in den achtziger Jahren bereits die Vorstellung, daß in einem marxistischen Reichtumskonzept
die künstlerische Kreativität, die potentielle Möglichkeit des Künstlers ohne Systemzwänge
spielerische Entwicklungsprozesse zu organisieren eine zukünftige Potenz als direkte Produktivkraft
darstellen könnte. Mit seiner Gruppe 37,2Grad, der Maler, Musiker, Psychologen und Philosophen
angehörten simulierte er auch mit Wissenschaftlern solche Laboratorienprozesse.
Damit stieß er in der DDR, mit ihrem aus dem 19.Jahrhundert stammenden konservativen Kunstbegriff
und deren staatstragenden Malern, folgerichtig auf Unverständnis und Ablehnung, was zu Frustration
und folgender Ausreise führte. In dem wegweisenden wirtschaftskritischen Buch, Das MIPS-Konzept,
von Friedrich Schmidt-Bleek, findet sich in einem Abschnitt über Innovationen der Wirtschaft
genau diese Fehlstelle, die wünschenswerter Weise vielleicht mit Künstlern zu besetzten sei,
"Bei mehr als 80 Prozent aller "Geburten" von Erfolgsprodukten leiste ein Querdenker "Hebammendienste",
aktiv gefordert in einem Arbeitsteam, das sich durch unterschiedlich ausgebildete Mitglieder mit
verschiedenen Erfahrungshorizonten auszeichne. Daß Kreativität nur in solchen gemischten Teams gedeihen kann
und Innovationserfolge ermöglicht, sei mehr als 90 Prozent der Manager in Deutschland nicht bekannt."
(4) Große Umwälzungsprozesse im Verhältnis zwischen Unternehmen und Arbeit sind anstehend.
Politik und Wirtschaft reagieren ratlos auf diese globalen chaotischen Prozesse, die mit klassischen
Mitteln nicht zu lösen sein werden. Daneben wächst das "Heer" der Arbeitslosen mit jeder zyklischen Krise
besorgniserregend an. Oder weniger marxistisch formuliert, der Grundsockel der Arbeitslosigkeit
nimmt mit jeder Rezessionsphase zu. Die strukturelle Rate der Arbeitslosigkeit liegt heute
im Raum der OECD zwischen 12 und 15 Prozent. In den siebziger Jahren lag sie bei 2 bis 3
Prozent.(5)


Wo früher in Europa das Gespenst des Kommunismus umging, sieht die Reinigungsgesellschaft
im Zuge des Strukturwandels folgerichtig jetzt das Gespenst der Freizeit umgehen.
Durchaus treffend wird vermutet, daß mittlerweile "auf gespenstische Weise ein Unwohlsein" vor eben
jener für Arbeitslose im Übermaß zur Verfügung stehenden freien Zeit entsteht. Folgt
man der Theoretischen Soziologin Ute Holzkamp-Ostermann, daß die Sozialisierung der Mitglieder
einer Gesellschaft im Wesentlichen durch die gestellten Handlungs- und Leistungsanforderungen
geschieht, bricht diese in der selbst zu verwaltenden aber nicht selbst gewählten Freizeit (freie
Zeit von Erwerbsarbeit) einfach weg.(6)
In Sachsen-Anhalt nehmen Langzeitarbeitslose mittlerweile sogar unbezahlte Arbeitsangebote an,
um die von ihnen nutzlos empfundene Freizeit mit sinnvoller Tätigkeit neu auszufüllen. Der Staat
darf sich über soviel Verzweiflung oder bürgerliches Engagement freuen. Die von Arbeit freien
Mitglieder der Gesellschaft, der arbeitslose doppelt freie Lohnarbeiter, Reinigungsgesellschaft
nennt es auch "frei von Gesellschaft", eine Bezeichnung der eintretenden Vereinsamung, verlieren
in einer freien Konsumtion von nicht produktiven Freizeitangeboten und als produktiv darf hier im
soziologischen Sinne die Förderung und Ausbildung der Persönlichkeit, der eigenen Fähigkeiten
gelten, den Sinn ihrer Existenz aus den Augen. Der "Reichtum" an freier Zeit wird für diese
Menschen zu einer Last. "Die Fähigkeit, sich von der eigenen Vergangenheit zu lösen und
Fragmentierung zu akzeptieren, ist der herausragende Charakterzug der flexiblen Persönlichkeit,
wie sie in Davos an den Menschen abzulesen ist, die im neuen Kapitalismus wirklich zu Hause sind.
Doch diese Eigenschaften kennzeichnen die Sieger. Auf den Charakter jener, die keine Macht
haben, wirkt sich das neue Regime ganz anders aus." So beschreibt Richard Sennet in seinem Buch
"The Corossion of Character"tektonische Elemente der entstehenden Kultur des neuen Kapitalismus.(7)
Ob Kunst in einem globalen Wirtschaftsprozeß, der auf Gewinnmaximierung, Flexibilität und
Disponibilität ausgerichtet ist, nicht nur den Wasserträger der positiven Unterhaltung oder
kreativen Unternehmenskommunikation zu leisten vermag, sei dahingestellt. Zumindest irritieren
Martin Keil und Henrik Mayer ihre gegenüber und Partner schon durch die Benutzung sonst nicht
von Künstlern verwendeten Kommunikationsstrukturen. Das Infiltrieren geschlossener Systeme
und die Anmahnung offener Gesellschaftsstrukturen die zu einer reflexiven Fehleranalyse in der
Lage sind, ist eine nachhaltige Herausforderung. Man sollte sich aber bei allen mit Computern zu
erzeugenden schönen Diagrammen nicht über den Ernst der Lage täuschen. Georg Sorros,
Finanzgenie und privater Entwicklungshelfer der osteuropäischen Demokratien, sagt es recht
deutlich: "Die Welt ist in eine Phase tiefen Ungleichgewichts eingetreten, in der ein einzelner Staat
nicht imstande ist, der Macht der globalen Finanzmärkte etwas entgegenzusetzen, und für das
Aufstellen von Regeln gibt es auf internationaler Ebene praktisch keinerlei Institutionen. Der
Weltwirtschaft fehlen schlichtweg wirksame Mechanismen der kollektiven Entscheidungsfindung..."(8)
Der Überdruss auch an Kunstproduktionen steigt im Zuge der Überproduktionskrisen.
Das Fachpublikum wendet sich bereits übersättigt und gelangweilt von Großproduktionen wie Venedig
oder der Berlin Biennale ab. Die Absatzmärkte für Kreativität werden beschränkt bleiben,
so politische Kreativität nicht im sozialen Bereich zu völlig neuen Lösungen führt.

Peter Lang

(1) Deutsches Woerterbuch, Jakob und Wilhelm Grimm, Hirzel, Leipzig, 1854
(2)"Die neue Politik kultureller Differenz ist weder einfach oppositionell
in dem Sinne, dass sie den Mainstream herausfordert, um seine Integrationsfähigkeit auszutesten, noch
grenzüberschreitend in dem avantgardistischen Sinne, dass sie ein konventionelles bourgeoises
Publikum schockieren will. Vielmehr besteht sie in einzelnen Beiträgen begabter (und gewöhnlich
privilegierter) Kulturschaffender die sich mit demoralisierten, immobilisierten,
entpolitisierten und desorganisierten Menschen solidarisieren wollen, um diesen die Macht und die
Fähigkeit zu gesellschaftlichen Handeln zu verleihen und sie, wenn möglich für eine
kollektive Rebellion zu gewinnen, die den Ausbau von Freiheit, Demokratie und Individualität zum Ziel hat.Die neue Politik kultureller Differenz sieht sich 3 grundlegenden Herausforderungen gegenüber- einer intellektuellen,einer existenziellen und einer politischen.", The New Cultural Politics of Difference,Cornel West, 1990
(3)Ressource Kunst – Die Elemente neu gesehen, Katalog zur Ausstellung, DuMont, Köln, 1989
(4) Bericht zur Enquete, Zur Veränderungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft,Akademie Schloß Garath, 1996
(5) Das MIPS-Konzept, Weniger Naturverbrauch - mehr Lebensqualität durch den Faktor 10,Friedrich Schmidt-Bleek, Knaur,München, 2000
(6)Grundlagen der psychologischen Motivationsforschung I, Ute Holzkamp-Osterkamp, Campus,
Frankfurt/M., 1975; Grundlagen der psychologischen Motivationsforschung II.Die Besonderheit
menschlicher Bedürfnisse - Problematik und Erkenntnisgehalt, Ute Holzkamp-Osterkamp, Campus,
Frankfurt/M., 1976
(7) Der flexible Mensch – Die Kultur des neuen Kapitalismus, Richard Sennet,
Siedler, München,
2000 (amerikanischer Originaltitel: The Corossion of Character

 

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