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Frank Motz, Kurator; Weimar / Leipzig / New York

Employees must wash hands before returning to work

Der alltägliche Akt der Reinigung ist eines unserer tiefsten Grundbedürfnisse. Als ich diesen Gedanken frei kreisen ließ, waren flüchtige assoziative Momente von "porentief reiner Haut", dem Rühmann'schen "…auch zum Zähneputzen, kann man es benutzen", von "Haxen abkratzen" und sauberen deutschen Bürgersteigen schnell passé und ersetzt durch Dinge, die mir stattdessen in den Sinn oder besser in die Quere kamen: Leni Riefenstahls Hitlerjugend-Morgenwäsche-Szenen im Triumph des Willens hatte ich vor Augen und damit Gebote wie "Wir Thälmannpioniere halten unseren Körper sauber und gesund, treiben regelmäßig Sport und sind fröhlich. Wir stählen unseren Körper bei Sport, Spiel und Touristik". Auch das altgediente "Sauberkeit ist Ehrenpflicht" schwirrte als Gedankenfetzen durch den Raum. Nicht zu vergessen das Unwort von der "ethnischen Säuberung". Und jenes vom "Großen Stuben- und Revierreinigen" in der NVA. "Waschraum weiß" hieß eine allabendliche Aktion in der 7. Kompanie meiner Garnisonsstadt Döbeln. Zur umfassenden Reinigung durch einen "Spund" wurde die Latrine mit Ata-Scheuerpulver in Schnee gehüllt. Andere "Spunde" mussten währenddessen mit ihren "Hobbygeräten" den Kasernengang feudeln, was im Armeejargon "WBK" (WischenBohnernKeulen) hieß. Irgendwie schien die erwartungsgemäß positive Konnotation des Wortes "Reinigung", polit-hygienisch mißbraucht, arg gelitten zu haben und ließ mich weiter grübeln:

Im übertragenen Sinne kann "Reinigung" einen Prozess der Klärung und Erneuerung versinnbildlichen. Im letzten Jahrhundert wurde der Platz vor dem Neuen Museum Weimar vier mal durch sprachliche Reinigungsmaßnahmen von seiner historischen Geladenheit befreit und die kollektive Erinnerungswut im Sinne der jeweiligen politischen Machthaber korrigiert. Die Namensodyssee vom Museumsplatz über den Platz Adolf Hitlers, den Karl-Marx-Platz bis hin zum unlängst so genannten Weimarplatz mutet wie ein Fast-Forward-Turbodurchlauf durch die jüngere deutsche Geschichte an, macht aber auch klar: In welcher Beziehung auch immer - wir leben in einer Reinigungsgesellschaft.

Ich weiß nicht, welcher Intuition die Kunst-Aktivisten Henrik Mayer aus Freiberg (Sachsen) und Martin Keil aus Schlema (Erzgebirge) nachgingen, als sie vor fünf Jahren unter dem Label REINIGUNGSGESELLSCHAFT zu firmieren begannen. Als gelernte Kulturmanager prophylaktisch ausgerüstet mit den medialen Werkzeugen und Werbestrategien herkömmlichen Firmenmarketings - durch die MÜNCHNER HEINZELMÄNNCHEN ebenso praktiziert wie in der PUTZ-BÄR GEBÄUDEREINIGUNG GMBH und der GÜTEGEMEINSCHAFT SACHGEMÄßE WÄSCHEPFLEGE E.V. - untersuchen und unterwandern sie seither eigenes und fremdes Sozialbenehmen. Oft verorten sie sich da, "wo die Zahnbürste nicht hinkommt", an den neuralgischen Schnittstellen der Gesellschaft. Etwas überzogen und platt wirken dabei sprachliches Know-how ("Reinigen ist einfacher als man denkt" ersetzt das übliche "Verlassen Sie sich auf uns, und Sie werden erleben, wie sauber sauber sein kann") und dienstleisterisches Angebot - Zeitjobvermittlung und fraktionsübergreifender Kommunikationsworkshop ersetzen die obligatorischen Aufräumarbeiten und die Teppichreinigung - und erzeugen eine erste allgemeine Verunsicherung.

Wer weiß schon, ob Bürgernähe und Gemeinsinn, Selbstwitz und Improvisationsvermögen, Naivität und Chuzpe der beiden Gesellschafter ursächlich von deren Aufwachsen im Lande von Adolf Hennecke und Sigmund Jähn, WOFALOR und ELSTERGLANZ, Angelika Unterlauf und Karl-Eduard von Schnitzler künden. Unterstellen wir ihnen, daß sie, "geleitet von der eigenen Erfahrung im Sozialismus" (RG) bereits in der Polytechnischen Oberschule - anstatt sich in der Mach-mit-Bewegung "Schöner unsere Städte und Gemeinden" zu organisieren - in parallelen Nebennischen mit sarkastisch-kritischen Ansätzen der Ideologie der Partei und ihrer "Messe der Meister von morgen" zu entkommen strebten, tun wir ihnen möglicherweise unrecht. Zweifellos jedoch ist das Tun der "emsigen Volkskundler aus Dresden" - wie die Kuratorin Susanne Altmann sie nennt - im damaligen wie heutigen Sinne als gesellschaftliches Engagement, in dessen Mittelpunkt der Mensch steht, zu deuten. Ihm sollen Bewußtseinsformen vermittelt werden, "die durch visionären Gestaltungswillen zum Handeln anregen" (RG).

Ein Schuß subtiler Ironie im Sturm-und-Drang-Gepäck ist den ungehemmten, smarten Jungs aus dem "Tal der Ahnungslosen" nie abhanden gekommen. Sie wird nach dem Schiffbruch neben Mayer & Keil auch viele DDR-Insassen beim Übersetzen ans parfümierte Westufer begleitet haben - zeitweilig umgeben von einer Prise denunziatorischer Untergangslust. Die Projekte des "offenen künstlerischen Zusammenschlusses" (RG) - gewöhnlich ohne didaktischen Fingerzeig und fern von kunsttheoretischen Ergüssen - entbehren nicht jenes Humors, der zwischen Biergarten, Kegelbahn und Betriebsfeier die Runde macht und dem Identifikationszugang von Otto Normalverbraucher zu dieser konzeptuellen Kunstform sicher Vorschub leistet. Und so liest sich die Offerte "Falls Sie den Wunsch nach einem speziellen Motiv in Klöppelspitze haben, zögern Sie nicht, uns zu kontaktieren" eben nicht wie ein Auszug aus der Angebotspalette eines folkloristisch angestaubten erzgebirgischen Heimatbetriebes, sondern wie das typische Serviceangebot zweier Saubermänner, die als New-Age-Missionare über's Land ziehen, ihre frohen Botschaften von "Heimat" und "Identität" auf dem flatternden Bundschuhfähnlein.

Ausgebrochen aus dem Betriebszirkus Kunst mit seinen benebelt-inzestuösen Ballungen Berlin-Mitte oder Manhattan-Chelsea erweitert sich ihr Aktionsradius in den Stadtraum, der zur Spielwiese ihrer Interventionen wird, zum Großraumatelier, zum Ermittlungsbüro, zum Neuen Forum für bildkünstlerisches Schaffen, zum "Labor im Denkraum Kunst auf der Suche nach Verknüpfungen und Nahtstellen in anderen gesellschaftlichen Bereichen" (RG). Methoden aus dem Arbeitsfeld von Soziologie, Philosophie und Statistik gehören zum Stützapparat der Reinigungskräfte. Im Alltagsgewusel um Arbeitslosigkeit und Freizeitspaß, Unternehmenskultur und Kommerz, Kunst und Glück mißt sich das Ansinnen ihres "offenen künstlerischen Zusammenschlusses" (RG) am Alltag vor Ort. Ihre Feldforschung beginnt oft mit Meinungsumfragen wie "Welches Potential räumen Unternehmer künstlerischen Visionen bei der strategischen Zukunftsplanung ihres Unternehmens ein?" Das Aushöhlen und Umstülpen konventioneller Handlungs- und Sichtweisen auf künstlerischen Umwegen kann auch in den Marketingetagen der Industrie zur Freilegung oder gar Erfindung alternativer Lösungsansätze führen. Es wäre nicht das erste Mal - was die partnerschaftliche Beziehung der RG mit Unternehmen und Kunstinstitutionen, ob profitabel oder nicht, sinnvoll erscheinen läßt.

Spätestens seit der Paarung von Lindenbergs Likörellen mit den Kunstsammlungen zu Weimar, von Schloßhof und Cranachs Sybille mit Panikorchester Udos Mädchen aus Ostberlin populärer Lindenberg-Song, den er - neben anderem - auf dem Schloßhof intonierte, nachdem "oben" seine Ausstellung eröffnet worden war], das Hunderte Mittvierziger im Kulturstadjahr zu Tränen rührte, ist Weimar berühmteste Kunstinstitution nun auch auf dem Unterhaltungssektor zu Hause. Die Beliebtheit eines Fernsehsenders wird nach Einschaltquoten berechnet, das Leistungsvermögen eines Museums wird - Wehrmachtsausstellung hin, Plastinatenausstellung her - an seinen Besucherzahlen gemessen. Ein sich verstärkender Wettbewerb um Gunst und Zuwendung des Publikums auch unter den öffentlichen und privaten Non-Profit-Organisationen, die wachsende Anzahl nichtkommerzieller Anbieter, gestiegene Ansprüche und knapper werdende finanzielle Mittel sowie die damit einher gehende allgegenwärtige Forderung nach autonomer Finanzierung forcieren auch unter den Museumsdirektoren den Gebrauch von Schlagwörtern wie Social Marketing, Aufmerksamkeitsökonomie, Kunden- und Werbewirkungsanalysen, Customer Integration und Gewinnmaximierung - wenngleich eher hinsichtlich des sozialen, weniger des monetären Erfolgs.

Seiner weltweiten Vorreiterrolle allseits gerecht wird hierbei das ordinäre US-Museum. Hier wird der verdeckte Verkaufsaspekt am ehesten deutlich. Museen sind nicht länger Museen. Längst sind sie zum mietbaren Entertainment-Koloß mutiert, zum Kaufhaus ohne Preisschilder, zur Hülle für eine "Let's entertain"-Eventkultur mit Kids, die mit HAAGENDAZ, PALM PILOT und Discman auf Skateboards an den Picassos und Kiefers vorbei gleiten. BMW-Motorräder, Armani-Samtgewänder und Shiseido-Flacons, die unter dem Vorwand des Künstlerisch-avantgardistischen nach Spendenfluß in Millionenhöhe auf der Rotunde von Thomas Krens' Solomon R. Guggenheim Museum und andernorts zu Schauobjekten wurden, bilden erst den Anfang. Aus Kunst wird Kindergarten, aus Documenta wird Oktoberfest, aus Pinakothek wird Diskothek und noch einmal halten sich Kinder jeden Alters die Hände beim Totentanz, um die Ankunft einer neuen kybernetischen Ära zu zelebrieren. Der "Follow the money"-Strategie der Museen werden in der "Gesellschaft des Spektakels" (wie der französische Situaionist Guy Debord seine radikale Kritik des Kapitalismus, in dem wir leben, nannte) die Künstler mit ihrer "The bigger the better"-Antwort gerecht, Young British Art-Popstar Damien Hirst in seiner New-York-Show bei Larry Gagosian im Herbst 2000 eindrucksvoll demonstrierte. Galerien sind nicht länger Galerien. Der deutsch-amerikanische Kunsttheoretiker Benjamin Buchloh bezeichnet dieses Phänomen als das "Ende der Kunst" wie Guy Debord vor ihm das Ende der Kunst nach Dadaismus und Surrealismus diagnostizierte. Unterschiede zwischen Kunst und Mode (oder Kunst und Design oder Kunst und Computerprogrammierung oder Kunst und Werbung) scheinen aufgehoben. Diese Verschmelzung einer Unmenge kommerziellen Outputs in Gestalt oder im Kontext von Kunst scheint sich zu einem Totalitarismus zu entwickeln, der weniger die Freiheit von Reden und Denken unterdrückt, jedoch mit den Mitteln von Freizeit und Amüsement die Freiheit der Auswahl und das Recht zur Selbstbestimmung einschränkt, und dabei nichts außer Flucht anbietet.

Die Reinigungsgesellschaft sucht nicht das Weite, sondern integriert ihre Kunst in jene gesellschaftlichen Prozesse. Eher aus experimenteller Lust am Erweitern des Aktionsfeldes Kunst als aus dem Wunsch, ihre kritische Distanz zur Warentauschgesellschaft zu manifestieren, versieht sie sich durch "Branding" der eigenen Künstlermarke mit einem metaphysischen Marktwert, führt sich selbst in die ökonomische Zirkulationssphäre ein und stellt sich somit affirmativ den Marktwirtschaftsbedingungen. Das Zur-Ware-Werden von Kunst und Kultur bedeutet nicht nur ihre Einbindung in den Markt, was wiederum ihre Vereinnahmung für profitable Zwecke nach sich zieht, sondern heißt auch, daß die Kunstprodukte selbst von Strukturen durchzogen werden, die den Warenfetischcharakter repräsentieren und perpetuieren. Das Erkennen, Akzeptieren und Instrumentalisieren der Künstlergruppe als Produkt macht in diesem Falle ihre Existenz im gesellschaftlichen Kontext relevant und wirksam. Um aus allen Lebenslagen auf die Vorteile der RG (des Erwerbs des RG-Produkts, was das auch immer sein mag) aufmerksam zu machen, muß ihre Botschaft schonungslos beworben werden. Hierfür wird das Museum als Interessenspartner und öffentlichkeitswirksame Werbeplattform im Kampf um die Zielgruppe Museumsbesucher instrumentalisiert. Art, Mittel und Ästhetik der Werbung sind klassischen Vorläufern entlehnt und kommunizieren das Profil der REINIGUNGSGESELLSCHAFT.

Denn Kunst wie Werbung verfolgen dasselbe Ziel: Sie erfordern Aufmerksamkeit. Dieses Merkmal könnte sogar als eine universelle Definition der Kunst gelten, die von ihr verwirklicht werden muß, um Kunst zu sein. Aura und Autonomie der Künstlergruppe werden bewußt in den Hintergrund gedrängt, ja gehen verloren. Degradieren sich Mayer & Keil zum kleinen Rädchen im Getriebe des immanenten, warenlogischen Netzwerkes der Verhältnisse? Oder befördern sie sich als Produkt REINIGUNGSGESELLSCHAFT zu einer käuflichen Ware, um bestehen zu können? Weder Resignation noch Euphorie, weder Akzeptanz noch Ablehnung, sondern der fast liebevolle Versuch einer Positionierung der Künstlergruppe selbst wie auch der Institution Museum und die Wahrnehmung einer Chance, aktiv an jenem Prozess des Waren- und Wertekreislaufs teilzunehmen, machen die Basisarbeit der RG zur Ent-Elitisierung der Kunst aus. Kunst will hier weder als möglicher Ort radikaler kritischer Praxis gegenüber dem Kapitalismus jenseits der universitären Philosophie noch als bloße, ironisierende Zustandsbeschreibung gebraucht werden.

Norman Mailer veröffentlichte Mitte der sechziger Jahre eine Sammlung von Essays unter dem Titel Advertisements for Myself. Und steht damit neben Dutzenden Beispielen aus der bildenden Kunst. Eigenwerbung in der Kunst ist nicht neu. Die REINIGUNGSGESELLSCHAFT aber ersetzt die Zuhilfenahme angelesener, kritischer Theorien zur Warentauschgesellschaft von Adorno, Horkheimer, Marcuse oder Benjamin und eines Diskurses, welcher der Kunst ihre Energie ebenso zu entziehen vermag, durch ein Reagieren auf Selbsterlebtes und -erfahrenes, authentische Vibrationen, deren Epizentrum der Künstler selbst ist und bleibt. Die von verschiedenen Künstlern in Angriff genommenen Themen (wie "Werbung und Kunst") sind durchaus ähnlich. Die lesbare Oberfläche der mittels programmatischer Statements der RG entstehenden Kommunikationsräume für zeitgenössische Kunst ist hier jedoch an einen populär-bürgerlichen Diskurs adressiert. Und das ist neu.

Die Rezeptur des vorliegenden Kampagnen-Pakets der RG - Get the Message - ähnelt den konventionellen Medienwerkzeugen der Verbreitung einer Werbebotschaft: Film, Anzeige, Hörfunkspot und Plakat. In einem abgedunkelten Oberlichtsaal des Neuen Museums werden per Laser-Gobo-Beamer die Slogans "Reinigung ist leichter als Du denkst!", "Du kannst es schaffen", "Lust auf Bewegung, Freiheit und Visionen" und "REINIGUNGSGESELLSCHAFT ist immer in ihrer Nähe" aus einem Imagefilm der REINIGUNGSGESELLSCHAFT auf den Museumsboden projiziert. Außerdem zeigt ein Plakatmotiv auf zehn Großwerbeflächen im Weimarer Stadtraum zwei Cheerleaders der MIGHTY LIONS, einem Squad aus Dresden, die mit euphorisch hochgerissenen Armen die Botschaften verkünden: "Du kannst es schaffen" und "Reinigung ist leichter als Du denkst!". Mehrmals täglich läuft auf dem Weimarer Lokalsender RADIO LOTTE der Werbejingle der REINIGUNGSGESELLSCHAFT. Kernstück des Sets bildet jedoch besagter Imagefilm, der fünf mehrminütige Episoden mit verschiedenen Akteuren an verschiedenen Orten beinhaltet.

Im ersten Film begegnen wir einem charmanten, gut aussehenden und seriös gekleideten Herren mit Schlips und kurz geschorenem Haar in einem Küchenstudio. In jugendlichem "Hand-aufs-Herz"-Pathos, äußerst kommunikativ, quasi selbstredend und mit den Attributen Teekessel und Salatschüssel hantierend, versichert er uns glaubhaft: "Was hat es nicht alles schon gegeben. Welche Höhen und Tiefen mußten Menschen durchleben. Daraus hervorgegangen sind Sieger und Verlierer. Das Leben ist schön! Wir treten den Beweis an." Schönheit durch Sauberkeit. Schon eine saubere, aufgeräumte Küche kann nicht nur die Freude am Heim und damit die Lebensqualität erhöhen, sondern uns auch wieder auf die richtige Bahn bringen.

Im zweiten Film beobachten wir eine junge Frau mit blondem Pony und Pferdeschwänzen im 70er-Jahre-Pünktchenkostüm und mit "Yours"-Goldkettchen beim Besuch ihres Waschsalons. Nach dem Laden der Maschine wechselt ihr fröhliches Gesicht in ein gelangweiltes. Sie setzt sich und holt aus ihrer Tasche ein Kreuzworträtsel, um beim kurzweiligen Zeitvertreib das Ende des Vollwaschgangs abzuwarten. Im inneren Dialog dürfen wir ihren Gedanken folgen: "Australischer Laufvogel mit drei Buchstaben ... Emu! ... Deutschlands sauberste Projektgruppe ..." Angestrengt kaut sie auf ihrem Stift und überlegt … sie hat es auf der Zunge, kommt aber nicht drauf ... da hilft ihr ein Aufkleber mit den Initialen "RG" auf ihrer Tasche: "Aaaaahhhh, REINIGUNGSGESELLSCHAFT!" schreit sie in den Waschsalon. Ihr Gesicht ist glücklich über die Erleuchtung.

Der dritte Film ist eine Animation. Ein Häschen knabbert an einer Möhre, hoppelt unter Herzklopfen auf eine Waschmaschine zu und macht schließlich einen großen Satz auf jenen vollautomatische Reinigungsapparat, dessen Konterfei das Logo der REINIGUNGSGESELLSCHAFT darstellt. Mit einem Tusch schließt sich ein Kreis um Hase und Maschine - das Logo ist perfekt.

Film vier zeigt die Protagonisten der REINIGUNGSGESELLSCHAFT selbst als Akteure. In orange leuchtenden Uniformen der Stadtreinigung mit silbernen Reflektorstreifen erleben wir sie während einer Überlandfahrt zur Rapszeit auf einem orangefarbenen Müllfahrzeug, per Nahaufnahme inmitten einem Blütenmeer, aktiv und eins mit der Natur. Sollte das schöne DDR-Volkslied "Uns're Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer…" je als Musikvideo verfilmt werden, stelle ich mir diese Landschaft als passende Szenerie vor. Die zwischen gelben Feldern und blauem Himmel eingeblendeten und gesprochenen Slogans bestätigen nur das, was wir schon längst wissen: "REINIGUNGSGESELLSCHAFT ist unterwegs für Sie!" und "REINIGUNGSGESELLSCHAFT ist immer in Ihrer Nähe!"

Die fünfte Filmhandlung läßt uns aus der Vogelperspektive und als Close up bei Siebziger-Jahre-Musik Zeugen einer sportiven Darbietung des Cheerleaderteams der MIGHTY LIONS sein. "Bei ihren Auftritten kommen Kraft, Freude und Energie rüber" (RG). Im Rudolf-Harbig-Stadion, der Spielstätte von DYNAMO DRESDEN, formieren sich die neun jungen Damen nach Demonstration ihrer Figuren und Sprünge zu einer Reihe. Durch aufeinanderfolgendes Umdrehen ergibt sich nun der aus Buchstabenpaaren bestehende Schriftzug "REINIGUNGSGESELLSCHAFT". Außerdem erscheint der Slogan: "Lust auf Bewegung, Freiheit und Visionen".

Die REINIGUNGSGESELLSCHAFT arbeitet mit Kooperationsstrukturen unter konkreten sozialen Bedingungen. Kooperatives Miteinander von Kunst und Kommerz im sozialen und pseudo-sozialen Kontext hat im mit zeitgenössischer Kunst nicht gerade dicht bestückten Weimar schon eine Vergangenheit. Denke man nur an Projektgruppen wie ACTIVE MEN mit ihren Heimwerker-, Fitness- und Gesundheitsvideos, DIXIELAND mit ihren zu Peepshowbox und Eisenbahnplatte veränderten Miettoiletten und AKTIVPOSTEN mit ihrer Geschenk-Fließbandstrecke im Weimarer Hauptpostgebäude, Gruppen, die zum Teil ähnliche Besetzungen hatten. Nicht zu vergessen das aus Weimar stammende New Yorker E-TEAM, das zuletzt mit einer Hubschrauber-Photographieaktion am (noch unzerstörten) World Trade Center für Aufsehen sorgte, oder das Team von PROTOPLAST aus Basel mit seinem Planungsbüro zur Neubebauung Weimars. Besonders letztere bedienten sich der marktüblichen Werbemechanismen, um ihre Kunst zu promoten.

Für viele ist im Fernsehen die Werbung interessanter als die Sendungen. Für die Herstellung von Werbung werden immer mehr Menschen benötigt. Nicht zuletzt durch das Internet werden Semiotik und Technologie der Werbung immer offenkundiger und verfügbarer. Nicht um Produkte, sondern um uns selbst oder gar uns selbst als Produkt anzupreisen, können wir sie anwenden. Die REINIGUNGSGESELLSCHAFT macht es uns vor. Werbung und Werbespots als eigenständige Kunstform sind schon heute wie Romane, Filme, Konzerte oder Kunstausstellungen Gegenstand von Preis-Wettbewerben und Zeitungskritik. In den Händen der Werbekünstler wird künftig mehr und mehr Geld, das in den Kauf eines beworbenen Produkts geht, landen. Die Aufmerksamkeit für ein Produkt wird jedoch nicht mehr über das Produkt selbst vermittelt, sondern über Bezugspersonen, Stars, mit denen das Produkt in Verbindung gebracht wird. Kunst wird insofern immer weniger politische, sondern immer mehr ökonomische "Waffe", die es vermag, das Hauptziel der Aufmerksamkeitsökonomie zu erfüllen, nämlich knappe Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. Sie wird daher zu einem entscheidenden Element in der neuen Ökonomie.

Frank Motz

 

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