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SCHWERINBLICKE - KÜNSTLERSICHTEN

02. April 2010 – 04. Juli 2010

Ausstellung im Staatlichen Museum Schwerin

Bazon Brock, Larissa Fassler, Jim Hamlyn, Res Ingold, Matthias Kanter, Nicolas Manenti, Jürgen Palmer, REINIGUNGSGESELLSCHAFT, Andreas Sachsenmaier, Daniel Spoerri

Der Ausstellungsbeitrag der RG wurde u.a. im Rahmen eines Arbeitsstipendiums am Edith Ruß Haus für Medienkunst Oldenburg produziert


Text zum Projekt Risikogesellschaft von Claudia Schönfeld/Staatliche Kunstsammlungen Schwerin

Gerade in Zeiten des Wandels, des Umbruchs sind gesellschaftliche Prozesse in der Vergangenheit von Künstlern thematisiert und vor allem weitergetrieben worden. Die künstlerische Freiheit ermöglicht es dem Betrachter, seinen Standpunkt aus anderer Perspektive wahrzunehmen, den Weg der ausgetretenen Pfade zu verlassen.
Sie haben sich dabei vor allem reproduzierender Mittel, um eine größere Zuhörerschaft zu erreichen. In der Aufklärung war das Medium der Wahl die Karikatur, die über Radierungen eine hohe Auflage erreichte, die mit der zum Ende des 18.Hahrhunderts erfundenen Lithographie noch gesteigert werden konnte. Der englische Mahler und Grafiker William Hogarth gilt als Vorreiter der modernen Karikatur. Mit Serien wie den 1751 entstandenen Vier Stadien der Grausamkeit – Four Stages of Cruelty oder Bierstraße und Ginweg – Beer Street and Gin Lane thematisierte er bereits um die Jahrhundertmitte die sozialen Missstände Englands.
Ende des Jahrhunderts entwarf Francisco de Goya unter den Eindrücken der französischen Revolution die Caprichos, die die feudal verhärteten, bigotten Zustände in Spanien kritisieren. Nur zwei Tage nach dem Erscheinen der ersten Auflage 1799 mussten sie aus Furcht vor der Inquisition wieder zurückgezogen werden. Dennoch hatten sie ein kritisches Publikum erreicht, was der bereits vor 1803 zu den Caprichos entstandene, so genannte Ayala Kommentar belegt. Die künstlerische Bearbeitung Goyas verlieh der sozialen Thematik eine Brisanz und Eindringlichkeit und damit eine ungleich höhere Gefährlichkeit für konservative Kreise, für die es galt, die Werke Goyas zu unterdrücken, um einen gesellschaftlichen Wandel entgegen zu wirken.

Im Zeichen der Weltwirtschaftskrise und der drohenden Klimakatastrophe befinden wir uns heute ebenso in einer Epoche des sozialen Wandels. Bereits 1986 postulierte der Soziologe Ulrich Beck , dass analog zur Geschichte die heutige Modernisierung die Konturen der Industriegesellschaft auflöst und sich eine neue gesellschaftliche Gestalt entwickelt. Da die gesellschaftliche Produktion von Reichtum systematisch mit der Produktion von Risiken einhergeht, wird sich die Gesellschaft entsprechend der latenten ökologischen, sozialen und psychologischen Nebenwirkungen entwickeln. Beck formulierte damals den Begriff Risikogesellschaft, der die aktuelle globale Situation charakterisiert. Da „Not hierarchisch ist und Smog demokratisch“ , prognostizierte Beck bereits vor beinahe 25 Jahren die globale Ausweitung der Krise.

Die Dresdener Künstlergruppe REINIGUNGSGESELLSCHAFT bedient sich entsprechend den Bedürfnissen der heutigen Zeit medialer Ausdruckformen, die den thematisierten Problematiken eine allgemein verständliche Präsenz verleihen. Um dem Thema der Abwanderung vor allem junger Bevölkerungsgruppen aus dem deutschen Osten nachzugehen, betrachtet sie eine empirische Reihe von Schülern einer Jahrgangsstufe unter dem Aspekt ihrer Wert- und Zukunftsvorstellung. Methodisch nutzen die Künstler Phänomene der Massenkultur wie eine Casting Show, die derzeit in den Medien als Ausdrucksform des Bedürfnisses nach Voyeurismus, Selbstdarstellung und spielerischer Konkurrenz verbreitet sind. Die negativen Aspekte einer solchen Casting Show wurden in den Workshops so weit wie möglich ausgeblendet, indem jeder sämtliche Funktion einmal inne hatte, vom Jurymitglied zum Kandidaten. Sicherheit in der Darstellung der Kandidaten wurde unter anderem durch die Anleitung eines professionellen Schauspielers des mecklenburgischen Staatstheaters, Klaus Bieligk gewährleistet. Neben der Formulierung ihrer Zukunftswünsche sollten die Schüler eine Minute schweigend verharren, was eine besondere Herausforderung darstellte. Die Workshops waren so von einer entspannten und gleichzeitig höchst professionellen Atmosphäre geprägt. Enthusiasmus und Begeisterung der Schüler an dieser Art der Prozessfindung werden deutlich im Mitschnitt, der B-Roll, der als Teil der Gesamtinstallation gezeigt wird.
Dem gegenüber werden in einem verdunkelten Raum vier parallele, überlebensgroße Projektionen in einer Reihe gezeigt, von denen im Wechsel eine ein Schülerstatement wiedergibt, während die anderen drei schweigende Jugendliche zeigen. Das „zu Wort kommen lassen“ wird auf diese Weise eindrücklich verdeutlicht. Der gerade zu Wort kommende erscheint wechselweise auf den vier Projektion, so dass die Stimme der Schüler durch den Raum wandert, was eine subtile Dynamik hervorruft. Gleichzeitig erfahren durch diese Inszenierung die individuellen Aussagen eine Monumentalität und Präsenz.

Postulat der ästhetisch künstlerischen Inszenierung ist der REINIGUNGSGESELLSCHAFT die Initiierung einer gesellschaftspolitischen Debatte, die im Rahmen der dreimonatigen Ausstellung stattfindet. Die Statements der Schüler zeigen deutlich ihre Reaktion auf die Folgen der von Beck formulierten Risikogesellschaft, auch wenn dieses Bewusstsein bislang noch nicht ausreichend in der Politik thematisiert worden ist. Individueller Erfolg und materielle Sicherheit lassen sich in der Risikogesellschaft nur durch äußerste Mobilität im Beruf realisieren. Der moderne Mensch definiert sich über seine Erwerbstätigkeit. Dies ruft vor allem Probleme in der sozialen Integration und Ausbildung familiärer Strukturen hervor, so dass es nicht verwundert, dass gerade der Wunsch nach familiärer Bindung ein zentraler Punkt fast aller Schüler ist. In Zeiten virtueller Mobilität könnte gerade hier die Stärke einer zukunftsorientierten, visionären Stadt liegen, der sich die Politik stellen muss.

Friedrich Schiller stellte in seiner 1795 veröffentlichten Zeitschrift Die Horen die rhetorische Frage, ob angesichts der französischen Revolution und ihren Folgen die Beschäftigung mit der Schönheit, der Kunst, statt mit dem „vollkommensten aller Kunstwerke, mit dem Bau einer wahren politischen Freiheit“ zu rechtfertigen sei.
Schiller beantwortete die Frage mit der These, dass Kunst selbst das Medium zur Bildung wahrer politischer Freiheit sei. „Öffentliche Kunst als kommunikative Kraft verwandele die Lebensformen.“
In der Methodik der REINIGUNGSGESLLSCHAFT, die auf der Partizipation der Schüler am Entstehen des Kunstwerkes fußt, entwickeln die Künstler gleichzeitig Lösungswege aus der Krise. Nicht allein die empirische Analyse und Dokumentation bilden das Gesamtwerk sondern ebenso der Entstehungsprozess wie auch die Ebene der Ausstellung im Staatlichen Museum Schwerin. Die Interaktion sowohl während des Workshops, wie auch während der Ausstellung leitet zu neuen bewussten, sozialen Verhaltensweisen an.


Der Ayala Kommentar wurde 1887 zum ersten Mal veröffentlicht von Cipriano Muñoz y Manzano, Conde de la Viñaza, Goya: Su tempo, su vida , sus obras, Madrid 1887

Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1986.

op. cit. S. 48.

s. Ulrich Beck, Schöne neue Arbeitswelt – Vision: Weltbürgerschaft, Hannover 1999, S.17ff.

s. Res Ingold, Seadrome Schwerin, S.

s. Oskar Bätschmann, Ausstellungskünstler, Köln 1997, S. 72.

 

 

 

 
 
 

Dreharbeiten für das Projekt Risikogesellschaft

 
 
 
 
 
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