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Heimaten

Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig

12. Mai bis 10. Juni 2001

Songül Boyraz-Höll

Anny und Sibel Öztürk

REINIGUNGSGESELLSCHAFT

Ruby Sircar

Shirana Shabazi

Rirkrit Tiravanija

Tobias Z

Jun Yang

Kuratiert von Barbara Steiner und Jan Winkelmann

 

 

Was ist "Heimat"? Der Begriff, der keinen Plural kennt. Ein Ort, ein
Staat, ein Gefühl, ein Gedanke? Martin Luther sieht im "Himmel, die
Heimat der Christen", Franz Xaver Kroetz fasst den Begriff weit
irdischer, wenn er mutmaßt: "Heimat ist dort, wo man sich aufhängt!"
Joachim Riedl bezeichnet "Heimat" als einen "deutschsprachigen
Sehnsuchtsseufzer, der in anderen Kulturkreisen in dieser Bedeutung gar
nicht vorkommt."

Umgangssprachlich wird Heimat gerne mit einem "Sich zu Hause"-Fühlen
gleichgesetzt. Etymologisch bezeichnet der Begriff einen "Ort, wo man
sich niederläßt", mit anderen Worten eine Art "Stammsitz", einen Platz,
an dem man bleiben möchte. Der Begriff schließt jedoch auch eine gewisse
Mobilität mit ein, die ihm im Laufe der Jahrhunderte abhanden gekommen
ist: Denn das "Lager" kann (und muss manchmal) immer wieder woanders
aufgeschlagen werden.

Heimat wurde vor allem im 19. und im 20. Jahrhundert gerne mit Herkunft,
Geburt und Abstammung, gleichgesetzt und legitimierte Ausgrenzung und
Verfolgung. Auch heute handelt es sich nach wie vor um einen Begriff,
der oftmals gerne politisch instrumentalisiert wird. Eine Heimat/keine
Heimat haben wird insbesondere in Debatten um Migration gegeneinander
ausgespielt, wobei letzteres als unausgesprochene Bedrohung einer mühsam
hergestellten kollektiven (nationalen) Identität gesehen wird.

Gesellschaftlich werden Bilder von "Heimat" unaufhörlich produziert:
Film, Fernsehen, Literatur und Musik bilden das jeweilige (kollektive),
meist folkloristisch gefärbte Heimatgefühl ab und erzählen es nach.
Vor dem Hintergrund einer wachsenden Mobilität und einer immer weiter
fortschreitenden Globalisierung und Virtualisierung der Welt stellt sich
die Frage, inwieweit "Heimat" noch geographisch gedacht werden kann bzw.
ob nicht positive Aspekte einer Sozialität, die mit dem Begriff
assoziierbar sind, in einer anderen Weise gefasst werden müssen. Positiv
gesprochen, kann die Vorstellung von Heimat die Idee einer Gemeinschaft
formulieren helfen, die nicht mehr an einen geografischen Ort gebunden
ist. Doch nur, wenn "Heimat" fließend gedacht wird und mehrere Heimaten
zugelassen und denkbar werden, kann sie als Instrument zur Schaffung
gesellschaftlicher, insbesondere sozialer Perspektiven produktiv sein
und dabei Ein- und Ausschließung, d.h. Zugehörigkeit und
Ausgeschlossensein, vermeiden helfen.

In der Ausstellung "HEIMATEN" wird der Heimatbegriff in seiner multiplen
Besetzung und sozialen Dimension reflektiert. In den vorgestellten
künstlerischen Positionen steht der Begriff "Heimat" grundsätzlich auf
dem Prüfstand: als filmreifes Klischee (REINIGUNGSGESELLSCHAFT, Songül
Boyraz-Höll, Rirkrit Tiravanija, Jun Yang), als Herkunftsmythos (Tobias
Z., Ruby Sircar, Shirana Shabazi, Jun Yang) und als Bündel kultureller
Vorstellungsbilder (Anny und Sibel Öztürk, Rirkrit Tiravanija, Ruby
Sircar, Jun Yang). Die KünstlerInnen selbst sind in verschiedenen
kulturellen Kontexten aufgewachsen; ihr Verständnis von "Heimat" ist
grundsätzlich hybrid.

Figurengruppe "Einig Vaterland"
REINIGUNGSGESELLSCHAFT

2000
Höhe 2,5 m
Holz, lackiert

Die Skulpturengruppe nimmt den Formenkanon der erzgebirgischen Volkskunst auf. Die Familie überdimensionierter Räucherfiguren stellt eine Szene aus den ostdeutschen Wendedemonstrationen im Herbst 1989 dar. Das bekennerhaft erhobene Transparent in Form der bundesdeutschen Flagge markiert einen Umbruch in der Identität der ehemaligen DDR Bürger. Dafür steht auch der Wandel des Slogans "Wir sind das Volk" zu "Wir sind EIN Volk" im Laufe der Demonstrationen. Wie in vielen anderen Mittel- und Osteuropäischen Staaten fand hier im rasanten Tempo eine Umorientierung auf das westliche Wertsystem statt. Die leichte Diskrepanz zwischen den als typisch ostdeutsch empfundenen Räucherfiguren und der gesamtdeutschen Beflaggung steht für die Fremdheit der sanften Revolutionäre von 1989 beim Einüben ihrer neuen gesellschaftlichen Rolle.

 

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