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Raum der Gegenwart

Kunstverein Leipzig

27. Mai bis 17. Juli 2011
Eröffnung: 26. Mai 2011, 19 Uhr

Der Titel ›Raum der Gegenwart‹ ist der nichtrealisierten Raumarbeit von Laszlo Moholy-Nagy von 1930 entlehnt. Alexander Dorner beauftragte ihn für das Provincialmuseum in Hannover einen Raum zu schaffen, der die Auswirkung von Kunst auf die Erscheinungen des täglichen Lebens an Beispielen aus Architektur, Theater, Film, Fotografie, Sport, Plakatgestaltung u.a. aufzeigen sollte. Dem voraus ging das ›Kabinett der Abstrakten‹, das El Lissitzky 1926 erstmals auf der Internationalen Dresdner Kunstausstellung ausstellte und der die Auswirkungen abstrakter Kunst auf den Alltag formulierte.

Der Kunstverein Leipzig möchte nun in Anlehnung an diese Formen der Auseinandersetzung zwischen Kunst und Leben eine neue Fragestellung formulieren und dabei das Verhältnis von Kunst und Arbeitsleben der letzten zehn Jahre einer Revision sowohl auf künstlerischer als auch theoretischer Ebene unterziehen.
Im Mittelpunkt steht die Einflussnahme des Kunstfeldes auf die Debatten um den Arbeitsbegriff.
Spätestens mit dem Erscheinen von ›Umherschweifende Produzenten‹ im Jahr 1998 steht der Begriff ›Arbeit‹ im Zusammenhang mit Immaterialität. Diese Verbindung meint in erster Linie nicht die zunehmende Virtualisierung von Arbeitsprozessen im Sinne von der tatsächlichen Form der Produktion, sondern ›das Auftauchen eines Typs von intellektuellen Arbeiterinnen und Arbeitern, die selbst unternehmerisch tätig werden, involviert in sich ständig verschiebende Austauschverhältnisse und in Veränderung begriffene raum-zeitliche Netze‹.
Ein Jahr später entwickeln Luc Boltanski und Eve Chiapello in ›Le Nouveau Esprit du Capitalisme‹ (Paris 1999) die These, dass die Integration und Anpassung kapitalistischer Verfahrensweisen an die künstlerische Kritik der intellektuellen Avantgarden des 20. Jahrhunderts zur Modernisierung des Kapitalismus und zur Entwurzelung der sozialen Kritik führt. 2000 beschreiben Thomas Lemke, Susanne Krasmann und Ulrich Bröckling die Gouvernementalität der Gegenwart, die auf Anpassungsfähigkeit, Dynamik, Flexibilität beruht und die Selbstverantwortlichkeit an das eigene Leben an ›betriebswirtschaftlichen Effizienzkriterien und unternehmerischen Kalkülen‹ ausrichtet.
In der Nachfolge formulieren Ausstellungen – wie beispielsweise ›Der 3. Sektor‹ (2001-2002, Kunstverein Wolfsburg, Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig), die 4. Werkleitz-Biennale ›Real Work‹ (2002) – oder Arbeiten der Wochenklausur, Reinigungsgesellschaft, Eva Hertzsch und Adam Page oder Kollektiven wie Kunst und Ökonomie, Glückliche Arbeitslose – einerseits Kritik am Modell des Künstlersubjekts für postfordistische Arbeitsverhältnisse, um andererseits Auswege aus dieser Form der Übernahme aufzuzeigen.
An welcher Stelle stehen wir heute – im Raum der Gegenwart? Stimmt das Urteil von Holger Cube Ventura aus dem Jahr 2002, das besagt, dass ›der Kunstbetrieb ein Spiel aus und mit Engagiertheiten und Idealismus ist, [und deshalb] sind gerade die Kunstleute wohl am wenigsten zu Antworten auf die Kehrseiten neoliberaler Selbstausbeutung fähig‹?

Ausstellung

Seit über zehn Jahren wird der Wandel in den Arbeitsverhältnissen hin zu Postfordismus mit flexiblen Arbeitszeiten, Selbstökonomisierung und Selbstausbeutung etc. verbunden mit dem Leitmotiv von schöpferischer Arbeit. Das Künstlersubjekt steht dabei Pate, um instabile Arbeitsbeziehungen einen neuen Wert innerhalb der gesellschaftlichen Verhältnisse zu verleihen. Mit welchen Auswirkungen auf die künstlerische Arbeit?
Wie beeinflussen neue Formen von Arbeitsbeziehungen den öffentlichen Raum und die öffentliche Wahrnehmung?

Mit Arbeiten von: Agentur für Gegenwart, Anke Dyes und Niklas Lichti, Nils Emde, e o t, Moritz Frei, Bertram Haude, Caoimhe Kilfeather, REINIGUNGSGESELLSCHAFT

Rahmenprogramm
Ein umfangreiches Rahmenprogramm widmet sich dem unternehmerischen Selbst, der Erscheinung einer kreativen Stadt, dem Widerstandspotenzial des Selbst gegenüber den Marktverhältnissen und anderen existentiellen und gedanklichen Umständen.

23. Juni 2011, 19 h, Kunstverein Leipzig
›Champagner im Schuh. Arbeit und Kunst‹
Ein Gespräch mit Ulrich Bröcklin und Gerhard Panzer

30. Juni 2011, 19 h, Kunstverein Leipzig
›Räume der Nichtarbeit‹
Gespräch/ Vortrag

2. Juli 2011, 15 h, König-Albert-Brücke, Karl-Heine-Str.
›Wie sieht eine kreative Stadt aus?‹
Stadtwanderung
Unkostenbeitrag: 5 €

7. Juli 2011, 19 h, Kunstverein Leipzig
›Kreatives Leipzig? Arbeit und Utopie‹
Ein Gespräch mit Stefanie Bamberg, Katja Großer, Susanne Kucharski-Huniat, Silke Steets u.a.
Moderation: Kerstin Faber und Britt Schlehahn
Diese Veranstaltung wird unterstützt durch das Kompetenzzentrum Kultur- & Kreativwirtschaft des Bundes.

17. Juli, 15 h, Kunstverein Leipzig
Finissage

Kuratiert von Britt Schlehahn

Mit freundlicher Unterstützung der Stadt Leipzig, Kulturamt.

Kunstverein Leipzig
Kolonnadenstr. 6
04109 Leipzig
Öffnungszeiten
Do-Fr: 16-20 h, Sa-So: 14-18 h u.n.V.


Toni Negri/ Maurizio Lazzarato/ Paolo Virno: Umherschweifende Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion, Berlin 1998.

Maurizio Lazzarato: Immaterielle Arbeit: Gesellschaftliche Tätigkeit unter den Bedingungen des Postfordismus, in: Ebenda, S. 39-52, hier S. 51-52.

Thomas Lemke/ Susanne Krasmann/ Ulrich Bröckling: Gouvernementalität, Neoliberalismus und Selbsttechnologie, in: dies. (Hg.): Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt/ Main 2000, S. 39.

Holger Kube Ventura: Zum gewandelten Verhältnis zwischen künstlerische Arbeit und Selbstvermarktung, in: Beatrice von Bismarck/ Alexander Koch (Hg.): beyond education. Kunst, Ausbildung, Arbeit und Ökonomie, Frankfurt/ Main 2005, S. 93-99, hier S. 98.

 

 
 
 
 
   
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